Ein am Sonntag in El País veröffentlichter Artikel mit dem Titel „Fußball zwischen Zivilisation und Barbarei“ greift eine der historisch aufgeladensten Gegensätze des westlichen Denkens auf, um das WM-Finale zwischen Spanien und Argentinien zu deuten. Der Beitrag geht dabei über eine Sportberichterstattung oder die Analyse einzelner Vorfälle hinaus: Er verlagert den Fokus von konkreten Ereignissen auf eine kulturelle Charakterisierung, die ein ganzes Land mit dem Begriff der „Barbarei“ verbindet.
Die Wahl dieses erzählerischen Rahmens ist bemerkenswert. Der Fußball braucht Rivalen; Propaganda braucht Feinde. Wenn eine überregionale Zeitung nicht mehr das Verhalten einzelner Personen beschreibt, sondern ein Fußballspiel als Gegensatz zwischen Zivilisation und Barbarei darstellt, berichtet sie nicht mehr ausschließlich über ein Sportereignis. Sie zieht eine moralische Grenze zwischen „uns“ und „ihnen“.
Dieser Mechanismus ist aus der Geschichte politischer Kommunikation gut bekannt. Durch die Hervorhebung realer Vorfälle, die Auswahl von Bildern der Gewalt und die wiederholte Verwendung emotional aufgeladener Begriffe kann eine sportliche Rivalität in eine identitätsstiftende Erzählung verwandelt werden. Der Gegner ist dann nicht länger lediglich eine Nationalmannschaft, sondern wird zum Symbol dessen, was eine Gesellschaft ablehnen soll.
Vor diesem Hintergrund geht die Verwendung des Begriffs „Barbarei“ im Zusammenhang mit Argentinien weit über die Kritik an Gewalt im Fußball hinaus. Sie eröffnet eine kulturelle Deutung, in der Argentinier nicht mehr nur als sportliche Gegner erscheinen, sondern als Vertreter eines Verhaltens, das angeblich mit den Werten der „Zivilisation“ unvereinbar sei. Gerade dieser Bedeutungswandel macht aus einer Sportberichterstattung einen Diskurs, der zur Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen beitragen kann.
Die Medien haben selbstverständlich das Recht, Gewalt im Fußball zu kritisieren. Problematisch wird es jedoch, wenn dafür Begriffe verwendet werden, die historisch dazu dienten, ganze Völker als minderwertig, irrational oder gefährlich darzustellen. An diesem Punkt besteht die Gefahr, dass Journalismus nicht mehr in erster Linie informiert, sondern zur gesellschaftlichen Polarisierung beiträgt.
Der Fußball mag Rivalen brauchen. Eine demokratische Gesellschaft sollte jedoch keine dauerhaften Feinde benötigen, um sich selbst zu definieren.

